Caritas Pirckheimer (1467 – 1532)

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Caritas Pirckheimer by Albrecht Dürer; Portrait of a woman, said to be Caritas Pirckheimer; Albrecht Dürer, CC0, via Wikimedia Commons

Die menschliche Vernunft ist schwach und kann sich täuschen. Der Glaube aber ist wahr und kann bei gesundem Gewissen nicht getäuscht werden.

Anfang des 16. Jahrhunderts toben in Deutschland die Glaubenskriege der Reformationszeit. Caritas Pirckheimer, Äbtissin des Nürnberger Klarakonvents, kämpft in dieser Situation entschieden für den Erhalt ihres Klosters.

Die tief gläubige, kluge und humanistisch gebildete Frau setzt sich zeitlebens intensiv mit theologischen und philosophischen Fragen auseinander. Sie interessiert sich auch für die Ideen der Reformation, folgt aber in allen Entscheidungen ihrem Gewissen und widersetzt sich energisch dem herrschenden Zeitgeist, der den Klosterstand komplett abschaffen möchte.

Der Äbtissin ist klar, dass es für unverheiratete Frauen nur im geschützten Raum des Ordens die Möglichkeit gibt, an Bildung teilzuhaben und ein weitgehend selbstbestimmtes Leben zu führen. 

Als sich die Stadt 1525 nach dem Nürnberger Religionsgespräch der lutherischen Reformation anschließt, beugen sich die meisten Klöster dem öffentlichen Druck und entlassen ihre Ordensleute. Caritas gelingt es jedoch, den Klarissenorden zu verteidigen und ihren Mitschwestern, wenn auch unter schweren Einschränkungen, weiterhin eine Heimat zu geben.

Geboren wird Caritas am 21. März 1467 in Eichstätt als Barbara Pirckheimer. Ihre Eltern sind der Nürnberger Patrizier und promovierte Jurist Hans Pirckheimer und seine Frau Barbara Löffelholz. Hans Pirckheimer, der in Eichstätt als Berater des Bischofs tätig ist, hat in Italien studiert und ist überzeugter Humanist. Beide Eltern legen größten Wert auf die Bildung ihrer zwölf Kinder, und zwar – zu ihrer Zeit äußerst ungewöhnlich – für Jungen und Mädchen gleichermaßen.

Stadtplan Nürnberg um 1500; See page for author, Public domain, via Wikimedia Commons

Barbara wird im Alter von acht Jahren zu ihrem Großvater nach Nürnberg geschickt und erhält dort Unterricht von ihrer Großtante Katharina, einer stadtbekannten Gelehrten. Das Mädchen entwickelt bemerkenswerten Wissensdrang und Lerneifer, vertieft sich in klassische Autoren und zeigt großes Interesse an der lateinischen Sprache.

Mit zwölf Jahren tritt sie in die Schule des Nürnberger Klarakonvents ein. Schon bald spricht sie fließend Latein und beschäftigt sich mit theologischer und philosophischer Literatur. An den Klosteralltag kann sich das wohlbehütet aufgewachsene Mädchen aber nur langsam gewöhnen. Sie teilt einen Schlafsaal mit neun anderen Schülerinnen, die Mahlzeiten fallen bescheiden aus, gebadet wird nur ein bis zwei Mal im Monat. Doch den Unterricht saugt sie begierig auf und geht auch freudig den ihr aufgetragenen Arbeiten nach.

Klarakirche Nürnberg; Chris06, CC BY-SA 4.0 https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0, via Wikimedia Commons

Als sie 15 Jahre alt ist, tritt sie ihr Noviziat im Konvent an. Sie erhält nun eine eigene Zelle und lernt neben ihren geistlichen Studien alle Arbeitsbereiche des Klosters kennen: Sie betreut die Bibliothek, arbeitet in der Schreibstube, näht und stickt in der Schneiderei, kümmert sich um den Gemüse- und Kräutergarten, hilft in der Apotheke und pflegt im Siechenhaus kranke Mitschwestern.

Nach einem Jahr legt sie ihr Gelübde ab und will nun als Klarisse ihr Leben dauerhaft Gott und dem Dienst an Menschen widmen. Den Ordensnamen Caritas –Liebe – wählt sie als Leitbild für ihren Lebensweg.

Schon 1489 wird ihr im Alter von 22 Jahren die Leitung der Mädchenschule anvertraut. Als Kindsmeisterin unterrichtet sie junge Mitschwestern und wird von den Mädchen für ihre intellektuellen Fähigkeiten, aber auch für ihr herzliches und empathisches Wesen geschätzt. Einige Jahre später wird sie zur Novizenmeisterin.

Santa Clara von Assisi; Convento de Santa Clara Sevilla, Public domain, via Wikimedia Commons

Caritas trauert in dieser Zeit um ihre Mutter, die 1488 bei der Geburt ihres 13. Kindes verstorben ist. Trost findet die Nonne in ihrer Arbeit und in ihren Vorbildern Franz und Klara von Assisi, deren entschiedenen Glauben und gelebte Nächstenliebe sie bewundert. Die Seelsorge im Klarakloster üben Franziskaner aus, die die Spiritualität der Nonnen, aber auch ihre Bildung begleiten und fördern.

Im Jahr 1503 wird Caritas im Alter von 36 Jahren einstimmig von ihren etwa 60 Mitschwestern zur neuen Äbtissin gewählt. Unter ihrer Leitung beginnen Jahre der Blüte im Konvent. Caritas veranlasst zahlreiche Umbauarbeiten im Kloster, ordnet die Bibliothek neu und beginnt, eine Chronik der Klarissen zu verfassen. Die Schwestern verehren ihre Frömmigkeit, bewundern aber auch ihre Bildung und ihr Organisationstalent. Nürnberger Patrizier spenden eine Orgel für die Klarakirche, und die Gottesdienste werden zum Anziehungspunkt für die ganze Stadt.

Der direkte Kontakt zur Außenwelt ist für die Klosterfrauen nur durch Gespräche am verhüllten „Redefenster“ möglich. Caritas pflegt jedoch eine rege Korrespondenz mit Theologen, Gelehrten und Künstlern ihrer Zeit.

Dürer, Profilbildnis des Willibald Pirckheimer, 1503; Albrecht Dürer, CC0, via Wikimedia Commons

Nürnberg ist Anfang des 16. Jahrhunderts ein Zentrum des europäischen Humanismus. Im Haus ihres Bruders Willibald, mit dem die Äbtissin eine enge, wenn auch konfliktreiche Beziehung verbindet, verkehren bedeutende Humanisten wie Conrad Celtis, Thomas Morus und Erasmus von Rotterdam. Albrecht Dürer gehört zu den engsten Freunden Willibalds. Caritas nimmt lebhaft Anteil an den Kontakten und Briefwechseln ihres Bruders und wird von vielen Humanisten als „ideale humanistische Frau“ verehrt.

Der Dichter Conrad Celtis verfasst sogar eine Ode an sie: Jungfrau, hervorragend geschult in der römischen Sprache, Glanzlicht und Krone der Jungfrauen, (…) höchste Zier Deutschlands, Caritas, die ich in meinem Herzen immer verehren werde, (…).

Das Klosterleben gerät in eine schwere Krise, als Martin Luther 1517 seine 95 Thesen veröffentlicht und damit massive Auseinandersetzungen innerhalb der Kirche auslöst, die letztlich zur Spaltung führen. Luther lehnt nicht nur die Praxis des Handels mit Ablassbriefen und die Allmacht des Papstes ab, sondern er steht auch dem Klosterstand äußerst kritisch gegenüber. „Klöster sind Gefängnisse menschlicher Tyrannei“, behauptet der ehemalige Mönch.  In den folgenden Jahren kehren im Zuge der Reformation immer mehr Menschen der katholischen Kirche den Rücken und gründen protestantische Glaubensgemeinschaften.

Martin Luther, 1529; Lucas Cranach the Elder, Public domain, via Wikimedia Commons

Caritas, die anfangs die Reformbestrebungen mit Interesse verfolgt hat, wendet sich später enttäuscht von den Ideen Luthers ab, nicht zuletzt wegen dessen Frauenbild. Den Ordensschwestern unterstellt er, allesamt gegen ihren Willen in Klöstern zu leben, und fordert sie auf, ihrer „wahren Bestimmung“ als Frauen nachzukommen. In seiner 1522 verfassten Schrift Vom ehelichen Leben appelliert er an Frauen, ihre Verpflichtungen in der Ehe zu erfüllen, sich dem Mann zu unterwerfen und ohne Rücksicht auf die eigene Gesundheit möglichst viele Kinder zu gebären. „Wenn sie sich aber auch müde und zuletzt tot tragen, das schadet nichts“, schreibt der Reformator. „Lass sie sich nur tot tragen, sie sind dazu da.“

Nürnberg wird bald zu einem Zentrum der reformatorischen Bewegung, doch es gibt auch heftigen Widerstand gegen die neuen Ideen. Inmitten der sich verschärfenden Konflikte bemüht sich Caritas Pirckheimer, das Kloster zu verteidigen und zu erhalten. Ihr ist klar, dass das Überleben ihres Ordens bedroht ist. In vielen Nürnberger Kirchen predigen längst Lutheraner, und einige der insgesamt neun Klöster in der Stadt haben bereits dem Druck nachgegeben und sich aufgelöst.

Auch viele Bürger lehnen inzwischen den Klosterstand ab und schrecken nicht vor teils gewalttätigen Angriffen zurück. Die Nonnen von St. Klara werden angefeindet und beleidigt, radikale Gegner werfen Steine in die Kirchenfenster und Unrat in den Hof. Caritas bittet mehrfach den Nürnberger Rat und den Klosterpfleger Kaspar Nützel um Unterstützung, doch sie stößt auf taube Ohren.

Im März 1525 schließt sich der Rat der Stadt nach dem Nürnberger Religionsgespräch offiziell der Reformation an; sämtliche katholische Messen werden verboten, ebenso die Beichte und die Sterbesakramente. Die seit Jahrhunderten als Prediger und Seelsorger tätigen Franziskaner müssen den Konvent verlassen. Der Klarakirche wird der evangelische Prediger Andreas Osiander zugeteilt, mit dem Caritas schon viele Streitgespräche geführt hat und dem sie mit unversöhnlicher Ablehnung gegenübersteht.

1524 beginnt Caritas in einem Tagebuch, das sie „Denkwürdigkeiten“ nennt, die Geschehnisse in den turbulenten Jahren der Reformation zu dokumentieren. So schreibt sie an Ostern 1525: „Wir hatten wahrlich eine bange, betrübte Fastenzeit voll Angst und Not, Schrecken und Furcht.“

Die Lage des Klaraklosters spitzt sich immer mehr zu. Viele Eltern fordern ihre Töchter auf, das Kloster zu verlassen. Die Äbtissin besteht auf der Gewissensfreiheit der Nonnen, die im Kloster bleiben möchten, doch drei Patrizierfrauen zerren schließlich ihre Töchter mit Gewalt aus den Räumen. Die Mädchen wollten nicht freiwillig gehen, so schreibt Caritas, „aber da war weniger Barmherzigkeit als in der Hölle“.

Philipp Melanchthon, 1543; Lucas Cranach the Elder, Public domain, via Wikimedia Commons

In ihrer Not bittet Caritas durch Vermittlung ihres Bruders Willibald den Wittenberger Mitarbeiter Luthers, Philipp Melanchthon, darum, sich beim Nürnberger Rat für den Klarissenkonvent einzusetzen. Sie schätzt den Reformer für seine klugen und besonnenen Anschauungen. Dieser kommt im November 1525 nach Nürnberg und nimmt sich Zeit für ein Gespräch mit der Äbtissin, das freundlich und von gegenseitigem Respekt geprägt verläuft.

Melanchthon ist der Meinung, dass die Nonnen von ihrem Gelübde entbunden werden sollten, während Caritas darauf besteht, die Gelübde seien vor Gott geschlossen worden und könnten von Menschen nicht aufgelöst werden. Er stimmt Caritas jedoch schließlich zu, dass Entscheidungen der Nonnen nicht gegen deren Gewissen erzwungen werden dürfen, und fordert anschließend den Nürnberger Rat dazu auf, sein schonungsloses Vorgehen gegen das Kloster einzustellen und die Bürger nicht mehr aufzuwiegeln. „Er war in seiner Rede bescheidener, als ich je einen lutherischen Mann gehört habe“, notiert Caritas nach dem Gespräch anerkennend.

Ein Kompromiss wird gefunden: Die Nonnen dürfen im Kloster bleiben, aber keine Novizinnen mehr aufnehmen. Damit wird der Orden nun nicht mehr direkt bedroht, aber zum langsamen Aussterben verurteilt. Auch die Sakramente dürfen die Ordensschwestern nicht mehr empfangen.

Caritas Pirckheimer; Relief an der Klarakirche Nürnberg; Photo: Andreas Praefcke, CC BY 3.0 https://creativecommons.org/licenses/by/3.0, via Wikimedia Commons

Doch noch einmal hat Caritas Grund zur Freude: An Ostern 1529, sie ist 62 Jahre alt, feiert sie ihr 25-jähriges Äbtissinnenjubiläum. Aus eigenen Mitteln hätte sie sich ein Fest nicht erlauben können, denn das Kloster ist mittlerweile infolge der zermürbenden finanziellen Einschnitte völlig verarmt. Doch ihr Bruder Willibald besteht auf einem würdigen Jubiläum, spendet ein aufwendiges Festmahl und edlen Wein und stellt sogar sein eigenes Tafelsilber zur Verfügung.

Ungewöhnlich ausgelassen feiern die Schwestern ihre Äbtissin, tragen sie zum Festgottesdienst und überschütten sie mit Zeichen ihrer Zuneigung. Musik und sogar Tanz begleiten die Feierlichkeiten.

Willibald, der seine Hoffnungen auf eine nach humanistischen Grundsätzen reformierte Kirche tief enttäuscht sieht, stirbt 1530 nach längerer Krankheit. Knapp zwei Jahre später, am 19. August 1532, folgt ihm seine Schwester Caritas im Alter von 65 Jahren. Über die Umstände ihres Todes ist nichts bekannt. Im Totenbuch des Klosters bekundet die Siechenmeisterin Anna Ketzel ihre Trauer um die Äbtissin, „einem Spiegel aller Geistlichkeit und einer Liebhaberin aller Tugend“.

Als 1596 auch die letzte verbleibende Nonne stirbt, ist das Ende des Nürnberger Klarakonvents besiegelt. Die Klostergebäude dienen zunächst als Zeughaus der Stadt, im 17. Jahrhunderts befindet sich dort ein Pfandleihhaus. Die Klarakirche wird 1854 wieder katholisch, die Klostergebäude werden aber 1899 abgebrochen.

Erst 1959 werden die sterblichen Überreste von Caritas Pirckheimer auf dem ehemaligen Klostergelände gefunden und im April 1960 in der Klarakirche beigesetzt.

Der Geist von Caritas lebt an ihrer früheren Wirkungsstätte weiter. Der Jesuitenorden gründet 1960 das Caritas-Pirckheimer-Haus (CPH), eine Akademie für Jugendarbeit und Erwachsenenbildung. Die Klarakirche wird 1996 zur „Offenen Kirche“, in der die Jesuiten City-Seelsorge anbieten und Schwerpunkte auf Kunst, Bildung, Spiritualität, Ökumene und Bewahrung der Schöpfung legen.

Gedenkplatte am ehemaligen Grab der Caritas Pirckheimer an der Portalfront der Nürnberger Klarakirche; Sol Octobris, CC BY-SA 4.0 https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0, via Wikimedia Commons

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